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ARGE oder Arrrghh…?

Liebe Leserinnen und Leser,

ein kurzer Wochenrückblick. Naja, vielleicht auch ein langer. Ich habe heute etwas ganz tolles bekommen. Ein Geschenk. Einen “Fallmanager” von der ARbeitsGEmeinschaft meiner Stadt. Ich bin also ein Fall. Das ist ja schon mal was. Wie heißen wohl die anderen Mitarbeiter, die auch Hartz-IV-Berechtigte betreuen? Was “managet” denn wohl so einer Manager, was ein Nicht-Fallmanager nicht macht? Offenbar ist er etwas besser für mich, weil die Dame am Empfang sagte, er würde nur 50-100 “Fälle” bearbeiten und nicht 300 bis 500. O.K., schön. “Also bedeutet das für mich, dass ich mehr Zeit beanspruchen kann als andere Hartz-IV-Empfänger?” “Nein, wahrscheinlich nicht, aber ihr Fall ist komplizierter als andere.” “Wie wollen sie das beurteilen?” “Sie sagten doch, sie seien Spieler, sie hätten Schulden und eine psychische Problematik.”

“Und damit haben sie jetzt ein Bild von mir? Ich meine, auf wie viele der anderen Empfänger treffen denn die letzten beiden Faktoren ebenso zu?”

Ja. Die letzten beiden Fragen schwirrten mir durch den Kopf, aber ich habe sie nicht gesagt. Vereinfacht die Tatsache, dass ich meine psychische Problematik erkannt habe und behandeln lasse, nicht den “Fall”? Die meisten wissen es doch gar nicht, und ihre Unwissenheit über den Kern ihrer Probleme läßt sie auch noch durchs Raster fallen und sie werden nicht von einem “Fallmanager” “gemanaget”. Die Vertretung meines Fallmanagers (welch ein Zufall: er hat Urlaub), eine Dame um die 40, schien entzückt über den Zustand, dass ich gut angezogen war, in ganzen Sätzen sprach und genau wusste, was ich wollte. Und als sie mich fragte, was ich so vorhätte und ich ihr von der Umschulung, der Klinik und den Dingen berichtete, die ich schon eingestielt habe, da wirkte sie irgendwie ein wenig erlöst und ich sagte, ich benötigte keinen Fallmanager. Aber sie blieb dabei. Ich brauche einen Fallmanager. Einen Mann, der mich alle zwei Wochen zu sich ins Büro ruft, natürlich nicht ohne mich darauf hinzuweisen, was mir alles widerfährt, wenn ich dem Termin nicht nachkomme (Geldabzug, Hartz-IV-Ausschluss, Gefängnis, Scheiterhaufen, Fegefeuer…). Ich werde ihm dann ab jetzt jede Woche berichten, was ich so tue, er wird dafür Geld bekommen, dass ich ihm erzähle, was ich tue, er wird feststellen, dass er nichts tun muss, er hat einen Teil seiner Arbeitszeit hinter sich, sein Kaffee ist immer noch heiß und ich verliere Lebenszeit. Ein gutes System. Naja, das war jetzt sehr sarkastisch. Natürlich wird sich dieses System nicht aus dem Nichts errichtet haben. Es wird viele viele Menschen gegeben haben, die nichts getan haben und das System dazu angehalten haben, sich zu verschärfen. Aber er sieht doch all die Unterlagen, die das bestätigen, was ich sage und das sollte doch ausreichen, um mich einmal zu sehen und zu entscheiden, dass der nächste drankommen kann. Der, der nicht weiß, was er machen soll, der nicht weiß, wie es weitergehen kann und der schon seit einer Stunde auf diesem Flur sitzt und darüber nachdenkt, wo er arbeiten könnte, wo er das Geld für den nächsten vollen Kühlschrank herbekommt.

Ich bin so froh, wenn es weitergeht. Gestern abend lag ich so im Bett und habe über mein Leben nachgedacht. 30 Jahre, Pessismisten würden sagen, die Hälfte meines Lebens ist rum, Optimisten vielleicht, dass ein Drittel rum ist. Aber das ist doch egal. Ob ich nun 35, 60, 80, 100 werde, ich denke, wenn ich dafür sorgen kann, dass ich in meinem Leben ab dem heutigen Tag dafür einstehe und kämpfe, noch einen weiteren glücklichen Tag in meinem Leben zu haben und mir das gelingt und ich ab diesem Tag wieder dafür kämpfe, einen weiteren glücklichen Tag zu erleben, dann ist es doch egal, wie alt ich werde. Das einzige Problem war nur, dass ich das die letzten Jahrzehnte nicht gemacht habe. Zuerst hatte ich nicht das Bewusstsein dazu und dann hatte ich es, ich war mir aber die unwichtigste Person auf dieser Welt und dann lohnt es sich ja nicht, sich für sich einzustehen, oder? Für eine unwichtige Person nicht, nein. Soll mich doch der Herrgott holen, Hauptsache, ich hatte vor diesem Tag EINEN glücklichen und nicht zu viele davon. Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen, nicht wahr, Wolfgang?

Wisst ihr, in der Klinik habe ich doch häufig die Gefühlsprotokolle ausgefüllt. Die brauche ich schon gar nicht mehr. Blöde Situation, Gehirn anschmeissen: “Hab ich Schuld? Situation? Gedanke? Gefühl? Impuls? Handlung?” Alles voll automatisiert, AO ;-) Manchmal fange ich damit an und bei “Gedanke” fange ich meist schon selbst an zu schmunzeln, denn dann merke ich, worüber ich mir da Gedanken mache und was für ein Blödsinn das alles ist. Gut, das funktioniert nicht immer, aber es hat ja keiner gesagt, es würde leicht werden. Und deshalb halte ich diese Tage auch aus. Ich glaube, es ist nicht wichtig, die Probleme zu lösen, sondern sie zu erkennen. Die meisten sind nämlich gar nicht so wichtig und wenn dann mal eins wichtig wird, kann ich immer noch gegensteuern und handeln. Neulich bekam ich eine Nachricht von einem Mitpatienten, der mir von seinem ersten großen Problem erzählt. Auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle hat ein Spielsalon aufgemacht und er hat Probleme, daran vorbeizugehen, ohne reinzugucken und es reize ihn. Tja, wenn das die Problematik wäre, wie schön wär das? Ich ziehe an einen Ort, an dem es Glücksspiel nicht gibt und dann bin ich spielfrei UND glücklich. Die Sucht ist Symptom! Das Ende einer langen Kette und nicht der Anfang. Wenn ich glücklich bin, bin ich spielfrei und nicht wenn ich spielfrei bin, bin ich glücklich. Die Sucht ist nicht der Teufel, der an jeder Ecke lauert, das Leben ist es. Mein Leben! Wenn ich diesen Typen in Rot mit Pfeilschwänzchen und Dreizack nicht zu H&M schicke und ihm sein neues weißes Gewand kaufe, wer tut es dann? Niemand. Auch nicht Deutschland, in dem Frau Merkel sagt, Spielsalons gibt es nicht mehr, weil sie gehört hat, da gäbe es einen Typen in Nordrhein-Westfalen, dem es deswegen nicht so gut ginge…

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